Vorzimmer zur Hölle 2
Schwarzwaldhof 5+6

















"Jede Figur hat eine Haltung"

Drehbuchautor Christian Pfannenschmidt im Gespräch über seinen Fernsehfilm Willkommen Zuhause, den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, schwierige und leichte Stoffe und die Schauspielerinnen Ulrike Folkerts und Barbara Schöne.

Auf der Webseite Ihrer Firma steht: "Wo Christian Pfannenschmidt ist, ist die Welt noch in Ordnung. So ist es in seinen Romanen, die immer ein Happy End haben". Ihr neuer Film Willkommen Zuhause erzählt von den psychischen Folgen des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan. Bleibt das Prinzip dennoch bestehen?
In der Geschichte geht es um den jungen Soldaten Ben Winter, der nach dem Anschlag eines Selbstmordattentäters in Kabul nach Hause zurückkommt: Ins gemütliche Deidesheim, wo er im Alltagsleben und an den Ansprüchen seiner Familie und Freunde scheitert, weil er traumatisiert ist – was keiner wahrhaben will, er am allerwenigsten.
Wenn man so einen schwierigen Stoff behandelt, klingt das ja erstmals, als ginge es nur flussabwärts. Wir versuchen jedoch den Zuschauerinnen und Zuschauern eine Aussicht zu geben. Vielleicht etwas versteckt, nicht so offensichtlich. Aber es gibt für unseren Helden Ben Winter eine Hoffnung. In diesem Sinne heißt die Antwort: Ja, es gibt ein Happy End.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen? Seit einigen Jahren sind deutsche Soldaten in aller Welt aktiv, aber Geschichten darüber sind im Fernsehen selten.
Die Idee hatte ich vor etwa drei Jahren. Aber ich brauchte Zeit, um mich in das Thema einzufühlen, zu recherchieren und dann einen Produzenten zu finden, der uns mit der notwendigen Kompetenz und Ernsthaftigkeit dabei unterstützt.

Sie sind nicht nur Autor, sondern auch Koproduzent.
Ja, unsere Firma Kromschröder & Pfannenschmidt funktioniert nach dem amerikanisches Modell "Writer-Producer", für das es in Deutschland bisher nur wenige Beispiele gibt, so wie bei meiner geschätzten Kollegin Gabriela Sperl etwa, die das ähnlich macht. Wir sind wie ein Schnellboot, das Projekte kreativ entwickelt und dann an ein großes Schiff andockt, das über die Infrastruktur verfügt, die unsere Zwei-Mann-Firma nicht hat. Und in der praktischen Arbeit bedeutet dies dann, dass Jan Kromschröder der ausführende Produzent ist. Wir erfinden also, verkaufen und setzen dann um.

Und Sie geben Ihre Drehbücher nicht ganz aus der Hand...
Ich habe gelegentlich die Erfahrung gemacht, dass man als Autor, als Ideenlieferant eine Vorlage für eine hoffentlich gute Serie abgibt, mit der die anderen machen können, was sie wollen. Wenn es ein Flop wird, war es ein schlechtes Buch, wenn nicht, ein Erfolg des Regisseurs. Wir bleiben jetzt an dem Buch dran, wir übernehmen für eine weite Strecke die Verantwortung, was die Besetzung und den Drehort angeht.
"Willkommen Zuhause" hat mit Andreas Senn einen sehr engagierten Regisseur, der sich enorm reinkniet und für einzelne Szenen immer wieder neue Ideen entwickelt. Normalerweise passieren solche Eingriffe kurz vor Drehbeginn ohne dass der Autor gehört wird. Hier arbeiten wir im Team. Das macht mir Spaß, dies "Dranbleiben".

War es schwierig, Auftraggeber für diesen Stoff zu begeistern?
Nein, es ging wunderbar glatt und zügig.
Ich habe Nico Hofmann, den ich als Produzenten sehr bewundere und als Menschen schätze, bei einem Abendessen davon erzählt. Er war sofort dabei und hat mit dem SWR geredet. Nach einem Treffen mit Carl Bergengruen, Manfred Hattendorf und Michael Schmidl gab es sehr schnell und sehr klar ein "Go", wofür ich sehr dankbar bin.

Es heißt manchmal, dass in der Öffentlichkeit zu wenig über den Afghanistan-Einsatz diskutiert wird - ob das Mandat der Bundeswehr sinnvoll formuliert ist, ob sie überhaupt noch in Afghanistan sein sollte. Vertritt Ihr Film eine Haltung zu der Frage?
Mir ist in meinen Geschichten immer wichtig, dass alle Filmfiguren eine Haltung haben. Das ist auch hier so. Unser Held Ben wird eine sehr klare Haltung zur Kriegswirklichkeit haben, aber der Truppenarzt, der ihn behandelt, der Therapeut, der ihn therapiert, der Kamerad, der noch nicht in Afghanistan war, sondern die Jungs in der Ausbildung schleift, die alle haben andere Positionen. Ich versuche, das weit aufzufächern.
Wenn Sie nach meiner Meinung als Privatperson fragen: Ich glaube, dass in Deutschland tatsächlich zu wenig diskutiert wird. Das Thema Krieg rückt näher und näher, es ist höchste Zeit für eine Neubewertung und für ein Engagement, wie man es in den USA, wo zunehmend Menschen gegen den Krieg demonstrieren, ja schon spürt. Hier bei uns haben wir immer noch das Gefühl: Das betrifft ja nur eine ganz kleine Zahl von Menschen – Soldaten. Aber ich glaube eben: Es betrifft zunehmend uns alle.

Sie sehen den Irak-Krieg, gegen den in den USA demonstriert wird und den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr im Zusammenhang?
Ich glaube ja. Wenn es um die Frage geht, wer marschiert aus welchem Grund in welches Land ein, muss man sich das sehr genau angucken. Ich war selber bei der Bundeswehr, als Wehrpflichtiger in den 70er Jahren. Damals mussten wir unseren Eid auf die Fahne und das Vaterland mit dem Satz leisten, dass wir "das Vaterland innerhalb seiner Grenzen" verteidigen. Das war damals ein ganz entscheidender Punkt, auch in der Frage der Kriegsdienstverweigerung. Verteidigen innerhalb der Landesgrenzen, damit kann ich leben. Sie merken, es gibt eine Haltung. Das ist natürlich meine Privathaltung.

...die sich so im Film nicht spiegelt?
Nein. Ich will mit dem Film keine Botschaft vermitteln. Ich kann nur versuchen zu erreichen, dass etwas angestoßen wird. Man sollte über den Afghanistan-Einsatz reden. Darüber reden heißt auch Filme machen. Ich wünsche mir natürlich, dass wir viele Zuschauer erreichen. Und dass die dann hinterher darüber diskutieren. In den USA ist das ja tatsächlich schon jetzt der Fall. Es gibt eine Vielzahl von Hollywood-Filmen und TV-Produktionen, die sich diesem Themenkreis widmen und Aufmerksamkeit erregen. Meine momentane Lieblingsserie, die ich gerade erst entdeckt habe, ist auf PRO 7 "Brothers and Sisters" mit Calista Flockhart, eine Familiengeschichte. Da gibt es einen Sohn, der Soldat war und zurückkehrt und dann wieder in den Krieg will. Wie das auf die Figuren abstrahlt, wie solche Themen nicht moralisierend, sondern menschlich aufgegriffen werden - das ist hochspannend.

Das heißt, Sie lassen sich auch von amerikanischen Serien inspirieren?
Nö, dass nicht. Ich lasse mich aber gerne begeistern. Das Sich-Inspirieren-Lassen – also auch gerne mal Abkupfern – gefällt mir nicht. Ich finde es überhaupt schlimm, wenn Fernsehredaktionen sagen: 'Mach mir mal so etwas wie XY'. Lieber einen Originalstoffe schreiben und sich dann kopieren lassen, als umgekehrt. Das Schielen auf die Erfolge der anderen ist hochgefährlich.

Wie haben Sie zum Afghanistan-Thema recherchiert?
Wir haben mit unserem Junior Producer Benjamin Schacht zusammen eine klassische Recherche aufgestellt: im Archiv begonnen, Zeitungsartikel zusammengetragen. Dann sind wir schnell auf einen Mann gestoßen, der sich wie nur wenige in Deutschland mit dem Thema PTBS auskennt, dem posttraumatischen Belastungssyndrom, Karl-Heinz Biesold vom Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg-Wandsbek. Er ist dort Oberstarzt und leitet die psychiatrische Abteilung, er therapiert betroffene Soldaten, er hat Bücher darüber geschrieben. Er bezieht sich übrigens stark auf den Wissensvorsprung, den die US-Armee aus schlechtem Grund - ich sage nicht: aus gutem Grund - bei dem Thema seit Vietnam hatte. Außerdem haben wir uns Fernseh-Dokumentationen wie etwa "Heimkehr im Sarg" angeschaut, oder Kinofilme wie den der tollen dänischen Regisseurin Susanne Bier, "Brothers", auch eine Heimkehrergeschichte. Ich habe sozusagen von jedem Baum gepflückt, von dem es was zu pflücken gab.

Wie viele Soldaten leiden ungefähr an dem posttraumatischen Belastungssyndrom?
Diese Frage müssten Sie Karl-Heinz Biesold stellen, doch ich weiß, dass die Zahl der Leidenden zunimmt und dass ein großer Teil unter ihnen sich eine Erkrankung zunächst nicht eingestehen will, weil die Betroffenen Angst davor haben, stigmatisiert zu werden. Es ist ja oft immer noch so: Wenn jemand Schnupfen hat, bedauert man ihn, wenn jemand Depressionen hat, schweigt er das lieber tot, weil es sonst heißt, er sei ein Psycho. Darunter leiden die Betroffenen und ihre Angehörigen auch.

Sie haben als Koproduzent Mitsprache bei der Besetzung. Haben Sie Rollen auf bestimmte Schauspieler geschrieben?
Das Casting lag in den Händen der wunderbaren Nina Haun. Entscheidungen haben natürlich die Redaktion, der Regisseur und die beiden Produzenten Jan Kromschröder und Nico Hofmann getroffen. Aber ich war in den Entscheidungsfindungen mit dabei. Als besetzt wurde, entstanden allerdings schon die zweite und dritte Fassung des Buches. Wo ich noch etwas nachgelegt habe, war bei der Figur der Lona Reimann, einer Nachbarin des Helden, die mit ihm eine Affäre hat. Sie wird von Ulrike Folkerts gespielt, die ich großartig finde. Als ich wusste, dass sie die Rolle übernimmt, ist mir noch Manches eingefallen, was vorher nicht im Buch stand.

Können Sie Beispiele dafür nennen?
Es ging vor allem um Dialoge, um Sprache. Das ist ein Ton von Klarheit, Wahrheit, Barschheit und Humor, der hoffentlich überzeugt. Er ist bei der Schauspielerin in jedem Fall vorhanden.

Wer ist sonst dabei?
Es ist ein super Cast, finde ich: Ken Duken spielt den Ben Winter, Mira Bartuschek seine Freundin. Henning Baum ist dabei - ein Optimismus ausstrahlender, kraftvoller Schauspieler, dem man nicht auf den ersten Blick ansieht, dass er hier einen feinstofflichen und höchst originellen Psychologen darstellt. Franz Dinda übernimmt die Rolle von Bens Freund Torben, der in Afghanistan umkommt. Worüber ich mich auch sehr freue: Die Rolle der biederen Frau Walbroel spielt Barbara Schöne. Ich weiß nicht, ob sie noch sehr bekannt ist...

Sie hat früher mit Harald Juhnke Sketche gespielt..?
Ja, eine Schauspielerin, die viel Boulevard gemacht hat und die man oft vergisst, wenn es um Rollen quasi "gegen den Strich" geht. Sie wird bei uns eine ziemlich giftige Wirtin spielen und hat erstaunlicherweise den Pfälzer Dialekt drauf, obwohl sie immer als Berliner Kudamm-Pflanze daherkam.

Sie als Autor etwa der langlaufenden Erfolgsserie Girlfriends werden bisher vor allem mit anderen Genres verbunden. Bedeutet Willkommen Zuhause eine generelle Veränderung für Sie und Ihr Themenspektrum?
Ich bin ja nicht nur ein Freund von Happy-ends, sondern auch davon, Leute auf gute Weise zu unterhalten.
Doch der Wechsel erfreut, und nach vielen Jahren mit Serien will ich auch stärker an Fernsehfilmen arbeiten, und das ist ein Schritt in diese Richtung. Insofern ist es keine Veränderung des Spektrums, sondern eine Ergänzung.
Und eine für mich sinnvolle. Denn vor allem ging es mir um eines: Diese Geschichte zu erzählen. Und zwar genauso, wie sie jetzt erzählt wird.